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Interview

Olympiasiegerin Janja Garnbret: „Du musst rausgehen und es allen zeigen“

Text: Martin Foszczynski, Illustration: Romina Birzer

Die 23-jährige Slowenin setzt im Sportklettern neue Maßstäbe und schrieb als erste Olympiasiegerin an der Kletterwand Geschichte. Doch war die Goldmedaille in Tokio tatsächlich die größte Leistung ihrer Laufbahn? Über Träume, Talent und den Druck, siegen zu müssen.

Janja Garnbret im Combined-Finale der IFSC Kletter-Weltmeisterschaft in Tokio 2019.
Suguru Saito / Red Bull Content Pool
Janja Garnbret im Combined-Finale der IFSC Kletter-Weltmeisterschaft in Tokio 2019.

Bergwelten: Zuerst möchte ich dir zu all deinen unglaublichen Leistungen der letzten Jahre gratulieren. Lass uns das Gespräch mit dem wohl größten Erfolg, dem Olympiasieg bei den Sommerspielen in Tokio 2021, beginnen. Wie hat sich dein Leben dadurch verändert? Hat man in deiner Heimatstadt Slovenj Gradec schon eine Straße nach dir benannt?

Janja Garnbret: Nein, noch nicht (lacht). Ich glaube, ich habe mich nicht wirklich verändert. Ich bin derselbe Mensch, der ich war – und das ist meiner Meinung nach auch wichtig. Mit Sicherheit bin ich jetzt viel bekannter, auch bei Leuten, die mit Klettern bisher nichts am Hut hatten. Ich glaube, es vergeht kein Tag, an dem ich zu Hause in Slowenien nicht um ein Autogramm oder ein gemeinsames Foto gebeten werde, sei es im Café oder auch nur wenn ich in den Supermarkt einkaufen gehe. Es ist verrückt. Straße ist aber noch keine nach mir benannt.

Aber du hast eine eigene Briefmarke in Slowenien?

Ja, das stimmt. Primož Roglič, Benjamin Savšek, die in Tokio ebenfalls Goldmedaillen für Slowenien gewonnen haben, und ich sind jetzt auf Briefmarken. Was wirklich cool ist.

Wo hast du deine Olympia-Goldmedaille eigentlich hingetan?

In diesem Moment liegt sie genau neben mir (lacht).

Wirklich? Kann ich sie sehen?

(Janja schwenkt den Laptop, die Olympia-Goldene und drei weitere Medaillen sind fein säuberlich auf dem Fensterbrett drapiert.) Ich bin gerade in meiner Mietwohnung in Ljubljana, wo ich mich aber nur zeitweise aufhalte. Die anderen Medaillen und Trophäen (6-mal Weltmeisterschafts-Gold, 4-mal Europameisterschafts-Gold und 37 Weltcupsiege, Anm. d. Red.) sind noch in meinem Elternhaus. Hier habe ich nur die aktuellsten und eben die olympische Goldmedaille.

Im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses zu stehen ist Janja Garnbret mittlerweile gewohnt.
Bernice Wong
Im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses zu stehen ist Janja Garnbret mittlerweile gewohnt.

Wie ist es möglich, dass eine junge Frau aus Slowenien die internationale Kletterszene derart dominiert? Trainierst du mehr als die anderen?

Ich weiß es tatsächlich nicht – du solltest meinen Trainer fragen.

Der weiß es aber auch nicht.

In Slowenien scherzen wir manchmal über die Leute aus der Gegend, aus der ich stamme – sie sind als besonders hartnäckig und stur bekannt. Tina Maze kommt beispielsweise auch von hier. Mit anderen Worten: Ich würde sagen, dass ich wirklich hart an meinen Erfolgen arbeite. Obwohl ich schon den einen oder anderen Wettkampf gewonnen habe, trainiere ich so verbissen, als hätte ich noch gar nichts gewonnen. Wenn ich mir vornehme, etwas zu erreichen, tue ich alles dafür. Ich habe immer noch dieselbe Leidenschaft wie am Anfang. Vor allem aber: Mir macht dieser ganze Kletterzirkus immer noch viel Spaß, auch das Training.

Wie viele Stunden am Tag trainierst du? Denkst du, ist es mehr, als es die anderen Kletterinnen tun?

Schwer zu sagen. Meine Devise lautet immer: Qualität geht vor Quantität. Im Moment mache ich sechsmal in der Woche je vier Stunden reines Klettertraining an der Wand. Dazu kommen noch die Physio und Übungen zur Vermeidung von Verletzungen – das dauert zwischen 1,5 und 2 Stunden. Im Vorfeld der Olympischen Spielen habe ich etwas mehr trainiert – da konnte eine Trainingssession rund zehn Stunden am Tag dauern.

Training macht somit wohl einen Teil deines Erfolgs aus. Du hast Klettern aber auch mal als „Liebe auf den ersten Blick“ bezeichnet und gemeint, dass es dir von Beginn an sehr leichtfiel. Würdest du dich als Naturtalent bezeichnen? Und wie viel macht Talent und wie viel das Hart-an-sich-Arbeiten aus?

Schon bei meinem ersten Kletterversuch meinte der Kursleiter, dass ich Potenzial hätte und dass mich meine Eltern in einem Club anmelden sollten. Man hat also schon damals etwas Besonderes in mir gesehen. Und eine Art von Feuer, Kampfgeist – deshalb hat man mich immer mehr in Richtung Wettkampfklettern gelenkt. In den slowenischen Ligen kannst du mit Talent noch relativ weit kommen. Doch im Weltklassebereich ist Talent definitiv zu wenig. Ich würde sagen, fünf Prozent des Erfolgs macht jetzt das Talent aus – der Rest ist harte Arbeit.

In deiner Jugend standen dir – sagen wir mal – nicht die allerbesten Trainingsbedingungen zur Verfügung. Du hast in einer kleinen Kletterhalle trainiert, die du dir noch dazu mit spielenden Kindern teilen musstest. War es unter diesen Bedingungen noch schwerer, die beste Kletterin der Welt zu werden?

Als ich anfing zu klettern, haben wir auf allem trainiert, was wir finden konnten. Aber ich glaube, wenn du schlechte Bedingungen hast, bist du umso motivierter, es allen zu beweisen. Vielleicht war es sogar gut, dass mir nicht die beste Infrastruktur der Welt zur Verfügung gestanden ist, denn so habe ich nur noch verbissener versucht, an die Spitze zu gelangen. Wir haben einfach das Beste aus dem gemacht, was wir hatten.

Zuhause in Slovenj Gradec: Obwohl Janja Garnbret in ihrem Sport alles erreicht hat, denkt sie nicht ans Aufhören. Gedanken über die Zukunft macht sie sich aber sehr wohl.
Ivana Krešić / PM d.o.o. / Red Bull Content Pool
Zuhause in Slovenj Gradec: Obwohl Janja Garnbret in ihrem Sport alles erreicht hat, denkt sie nicht ans Aufhören. Gedanken über die Zukunft macht sie sich aber sehr wohl.

Zurück zu deiner olympischen Goldmedaille. Du hast tatsächlich Geschichte geschrieben – du warst die erste Frau, die jemals Olympiasiegerin im Klettern wurde. Ist dir das bewusst? Und was bedeutet dir das persönlich?

Es bedeutet mir mehr als irgendein anderer Sieg in meiner Karriere. Die Frau zu sein, die als Erste eine olympische Goldmedaille im Klettern gewinnt – das ist einfach unglaublich. Auch weil ich als Favoritin hingekommen bin und im Grunde gewinnen musste. Unter diesem Druck die Olympischen Spiele zu gewinnen … wenn ich daran zurückdenke, kann ich es immer noch nicht glauben. Es war wirklich der schwierigste Wettkampf, den ich jemals für mich entscheiden konnte.

Aber weil er tatsächlich schwierig war oder wegen der besonderen Umstände?

In erster Linie wegen des Drucks. Die gesamte Kletterwelt und all die Medien – die slowenischen ebenso wie die internationalen – hatten schon im Vorfeld angekündigt, dass ich die sichere Siegerin bin. Du musst da aber immer noch rausgehen und diesen Erwartungen gerecht werden. Du musst immer noch deine Leistung bringen und beweisen, dass du die Beste bist. Dazu kam, dass wir AthletInnen wegen Covid noch eine ganze Menge Einschränkungen hatten. Ich bin zwei Wochen vor meinem Wettkampf nach Tokio gereist und durfte die ganzen zwei Wochen das Hotel nicht verlassen. Die einzige Ausnahme war das Training. Das war mental extrem fordernd, denn man hatte überhaupt keine Ablenkung und konnte an nichts anderes mehr denken als den bevorstehenden Wettkampf. Und der war erst gegen Ende der Spiele. Alle im olympischen Dorf hatten da schon ihre Medaillen um und konnten feiern (lacht). Abgesehen vom Druck war es auch wegen der Charakteristik des Wettkampfs herausfordernd. (Anders als im Weltcup handelte es sich dabei um einen kombinierten Wettkampf – bestehend aus den Disziplinen Speed, Bouldern und Lead, Anm. d. Red.) Die Finals waren sehr lang – man musste die ganze Zeit fokussiert bleiben.

Ohne respektlos sein zu wollen: Rechtfertigt ein olympischer Sieg all den Ruhm, einfach nur weil er olympisch ist? Oder mit anderen Worten: Könnte das Bewältigen eines enorm schwierigen Kletterproblems abseits der Öffentlichkeit nicht eine ähnlich große Leistung sein wie ein olympischer Sieg?

(Überlegt.) Ich denke schon. Wenn du in freier Natur zum Beispiel einen 9a-Boulder bewältigst, ist die Leistung grundsätzlich vergleichbar. Aber ich meine auch: Olympia ist Olympia. Wenn du dabei bist, spürst du wirklich die besondere Aura dieser Wettkämpfe. Du spürst, dass die Olympischen Spiele etwas anderes sind als der World Cup oder die Weltmeisterschaften. Es ist etwas Größeres. Es ist definitiv der großartigste Wettkampf, den du jemals gewinnen kannst. Aber klar: Klettern ist ein so vielfältiger Sport: Du hast Wettkämpfe im Sportklettern, du hast Klettern am echten Fels … die Leistungen kann man als gleichwertig sehen – aber: Es sind zwei komplett verschiedene Dinge. Wenn du mir zur Auswahl gibst: entweder das Bewältigen eines 9a-Boulder-Problems oder einen Olympiasieg (macht eine Waage mit den Händen) … ich denke, am Ende kann beides gleich großartig sein (Janja hat 2017 bereits zwei als 9a eingestufte Routen am Fels bewältigt, 2021 gelang ihr als erster Frau überhaupt eine 8c-Route onsight – also beim ersten Versuch, ohne die Route vorher zu kennen, Anm. d. Red.).

Klettern in der Natur ist eine willkommene Abwechslung zu den Wettkämpfen. Auch am Fels, wie hier in Osp in Slowenien, gehört Janja Garnbret zur Weltspitze
Tobias Zlu Haller / Red Bull Content Pool
Klettern in der Natur ist eine willkommene Abwechslung zu den Wettkämpfen. Auch am Fels, wie hier in Osp in Slowenien, gehört Janja Garnbret zur Weltspitze

Du hattest sehr viel öffentliche Aufmerksamkeit und hast dadurch bestimmt zur wachsenden Popularität des Klettersports beigetragen, nicht nur in Slowenien, sondern weltweit. Ist das vielleicht deine größte Leistung?

Ja, definitiv. Es bedeutet mir sehr viel, dass ich eine Art Botschafterin unseres Sports bin – oder diejenige, die ihn vorantreibt und seine Popularität vergrößert. Das ist etwas, das ich mir immer gewünscht habe. Früher wusste man hier in Slowenien nichts vom Klettern, hat es mit Bergsteigen gleichgesetzt. Wenn ich jemandem sagte, dass ich Kletterin bin, wurde ich gefragt, ob ich auf unserem höchsten Berg war. Heute weiß jeder, was Lead, Bouldern und Speed bedeutet. Fast alle Leute, die ich kenne, klettern oder haben Freunde, die klettern. Dabei wächst der Klettersport immer noch – meiner Meinung nach kann es einmal der populärste Sport der Welt werden. Darüber bin ich definitiv sehr froh. Es freut mich besonders, dass ich immer mehr Kinder zum Klettern bringe. Dass ich ein Vorbild für sie bin und ihnen beweise, dass sie großartige Dinge erreichen können.

Viele sehen jetzt zu dir hoch. Wessen Leistungen beeindrucken dich selbst eigentlich in besonderer Weise?

Meine Vorbilder stammen größtenteils aus der Sportwelt. Simone Biles zum Beispiel (US-amerikanische Turnerin, Anm.) imponiert mir, weil sie so viel für den Turnsport getan hat und mit ihrer Einstellung einen gewaltigen Einfluss auf eine breitere Öffentlichkeit hat. Natürlich Mikaela Shiffrin; Serena Williams und Roger Federer, die beide unlängst ihre Karriere beendet haben. Das sind alles Persönlichkeiten, von denen ich viel lernen kann. Ich lese ihre Bücher und versuche etwas darin zu finden, was auch mich weiterbringt.

In deiner eigenen Sportart hast du bereits alles erreicht – was motiviert dich eigentlich noch, weiterhin so hart zu trainieren und zu arbeiten?

Besser zu werden. Ganz einfach. Das Streben danach macht tatsächlich süchtig. Klar, ich kann nicht besser als Erste sein. Aber ich kann trotzdem jedes Jahr ein Stück stärker werden. Technisch, aber auch mental. Ich glaube, dass ich auch hinsichtlich Kraft noch große Reserven habe. Und was mich bei Wettkämpfen antreibt, ist dieses Adrenalin-Gefühl, wenn du am Start stehst, wenn du bereit bist, loszulegen – oder genauer: wenn dir die Wettkampfleiter sagen, dass du bereit sein musst. You are next! Dann bist du in deiner Wettkampf-Bubble, in deiner ganz eigenen Zone. Dieses Gefühl macht süchtig. Und es ist der eigentliche Grund, warum du das alles auf dich nimmst.

„Das Streben danach, besser zu werden, macht tatsächlich süchtig.“

Was sind deine nächsten großen sportlichen Ziele?

Ich will definitiv bei der Sommer-Olympiade in Paris 2024 wieder an den Start gehen und wiederholen, was mir in Tokio gelungen ist. Aber ich habe auch beim Felsklettern so viel Potenzial – ich habe mich bisher nur wenig darauf konzentriert, und es gibt da noch viele Routen, die auf mich warten.

Und wenn all dieses Streben nach Leistung einmal vorbei ist? Wie stellst du dir dein Leben nach der Sportlerkarriere vor: ein gemütliches Haus mit vielen Katzen?

Ich möchte auf jeden Fall im Kletterbereich bleiben. Dafür wird man eine andere Art von Leidenschaft für diesen Sport entwickeln müssen. Denn ich werde sicher einen Schritt zurücktreten müssen, das Training reduzieren, mehr draußen klettern – es wird definitiv ein entspannteres Leben sein. Ich möchte eines Tages andere trainieren – denn es wäre eine Schande, mein über die Jahre erworbenes Know-how nicht mit der jüngeren Generation zu teilen und ihnen beim Erreichen ihrer Ziele zu helfen. Ich will unbedingt mit Kindern arbeiten – oder eigentlich mit Menschen jeden Alters, die ihre Grenzen verschieben wollen.

Dann bleibt mir nur noch, mich für das Gespräch zu bedanken und dir alles Gute für deine weitere Karriere und die Zeit danach zu wünschen.

Themenschwerpunkt „Leistung“:

Was muss auf der Bucket List des Lebens und auf dem Berg abgehakt werden? Wie ist das, wenn man erst „später“ mit einem ganz neuen Sport beginnt? Welche Höhepunkte gab es im Alpinismus? Welche Leistungen werden am Berg eigentlich erbracht und wie ist das, wenn man schon alles erreicht hat?

Diese Fragen und viele mehr haben wir uns im Dossier zum Thema „Leistung“ gestellt und versucht zu beantworten.

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