Bergsee am Karnischen Kamm

Wenn das Wasser knapp wird – 7 Auswirkungen der Trockenheit

Wissenswertes
5 Min.
31.08.2026

Foto: Mara Simperler

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von Sarah Schwaighofer

Bergseen ziehen sich zurück, auf Hütten sind Duschen gesperrt, Almwiesen sind im Hochsommer braun statt grün. Unsere Redakteurin hat sich gefragt, was die Trockenheit für alle bedeutet, die gerne in den Bergen unterwegs sind – und mit einem Experten des Österreichischen Alpenvereins gesprochen.

Inhalt

  1. Die Trockenheit kommt schneller als erwartet

  2. 1. Bergseen werden kleiner – und bekommen „Schwimmbadcharakter“

  3. 2. Das Panorama ändert sich: Gletscher verschwinden

  4. 3. Rückkehr zum Waschlappen: die neue Schlichtheit des Hüttenlebens

  5. 4. Werden die Hütten ein Problem mit der Trinkwasserversorgung bekommen?

  6. 5. Starkregen und Wegeschäden

  7. 6. Almen ohne Gras und Wasser

  8. 7. Was das für die Zukunft unserer Touren bedeutet

  9. Was wir selbst tun können

  10. Häufige Fragen zur Wasserknappheit am Berg

Die Trockenheit kommt schneller als erwartet

Lange war für mich auf Touren das kristallklare Wasser von Bergseen und rauschendes Wasser in Gebirgsflüssen eine Selbstverständlichkeit. Wenn ich heute durch vertrocknete Almwiesen wandere, wird mir klar: Wir sind mitten in einem Wandel.
Was das für mich als Bergbegeisterte bedeutet, habe ich Lukas Kremser vom Österreichischen Alpenverein gefragt. Er ist Experte für Hüttenbau und beschäftigt sich täglich mit Hütten und Wegen in den Alpen. Dass Trinkwasser im Hochgebirge irgendwann knapper wird, sei absehbar gewesen – durch den Gletscherrückgang und die geringeren Schneemengen im Frühjahr. Dass es so schnell geht, hätte laut Kremser vor fünf Jahren aber kaum ein Experte so gesagt. Quellen, die damals reichlich Wasser lieferten, stehen heute kurz vor dem Versiegen.
Sieben Punkte, die zeigen, wie sich das auf unsere Touren auswirkt.

1. Bergseen werden kleiner – und bekommen „Schwimmbadcharakter“

Meine letzte Wanderung war der Anlass, dem Thema nachzugehen. Ich kam an einem See vorbei, der in den Vorjahren zur gleichen Zeit reichlich Wasser hatte – an diesem Tag war er fast ausgetrocknet. Ein Gedanke drängte sich auf: Werden Bergseen irgendwann ganz verschwinden? Hier beruhigt Lukas Kremser: „Die Bergseen werden sicher nicht verschwinden, sie werden vielleicht ein bisschen kleiner ausfallen oder sich ein bisschen verändern.“ In Österreich und Mitteleuropa sei man da noch guter Dinge.
„Die Bergseen werden sicher nicht verschwinden, sie werden vielleicht ein bisschen kleiner ausfallen oder sich ein bisschen verändern.“

Lukas Kremser, Alpenverein

Was sich verändert, ist das Bild – im wahrsten Sinn des Wortes. Sedimente, die schmelzendes Gletschereis mit sich bringt, färben das Wasser: von kristallklar über milchiges Türkis bis zu erdigem Ocker. Solche Schwankungen habe es laut Kremser immer schon gegeben, heute seien sie stärker ausgeprägt – und wir schauen sensibler hin. Eine Entwicklung sieht er allerdings kritisch: Weil es in den Tälern immer heißer wird, werden Bergseen von Wanderern zunehmend zur Abkühlung genutzt – bis sie „fast einen Schwimmbadcharakter“ bekommen. Die Folgen dieses Ansturms sind Müll und Rückstände von Sonnencreme in einem empfindlichen Ökosystem. Wenn dieses also ohnehin schon unter Druck steht, wäre es besser, auf ein Bad zu verzichten - oder zumindest die Regeln fürs Wildschwimmen einzuhalten.

2. Das Panorama ändert sich: Gletscher verschwinden

Es ist ein seltsames Gefühl, Zeugin des Endes einer Ära zu sein. Aktuelle Messungen legen nahe, dass es in etwa dreißig Jahren in Österreich keine Gletscher mehr geben wird – außer in besonders geschützten, schattigen Lagen. Das liegt mitunter am Wassermangel. Im Gletscherbericht 2024/25 des Alpenvereins, veröffentlicht im Frühjahr, wurde ein Niederschlagsdefizit von 24,5 Prozent verzeichnet.
Für Bergsteigerinnen und Bergsteiger ist das schon jetzt auch ein Faktor bei der Tourenplanung: Zustiege in Gletscherregionen werden laut Kremser deutlich schwieriger, Wege müssen umgelegt werden, klassische Gletscherwanderungen sind nicht mehr so einfach zu machen wie früher. „Das ist jetzt schon Fakt“, sagt er. Bergwelten-Redakteur Martin Foszczynski hat sich eingehend mit dem Gletschersterben befasst. Mehr dazu in diesem Artikel.

3. Rückkehr zum Waschlappen: die neue Schlichtheit des Hüttenlebens

Die Lage ist nicht auf allen Hütten gleich angespannt. Es gibt Hütten, die selbst während der aktuellen Dürrephase viel Wasser haben, sagt Kremser. Und es gibt Hütten, die starke Einschränkungen umsetzen müssen: Duschen werden gesperrt, Waschräume nur noch am Abend geöffnet.
Für Wanderer heißt das: zurück zur klassischen Katzenwäsche mit dem Waschlappen, ein Bad im Bach unterwegs statt der Drei-Minuten-Dusche mit Shampoo am Abend. Der Luxus, den man sich auf manchen Hütten aufgebaut hat, wird um einen oder zwei Schritte zurückgenommen.
Auch der Hüttenbau verändert sich. Statt Wasserklosetts werden zunehmend Trockentoiletten eingebaut – für Kremser beim Abwasser derzeit „das Maß aller Dinge“, weil sich damit sehr viel Wasser für Dringenderes einsparen lässt. Technische Maßnahmen wie größere Wasserspeicher oder die Sanierung von Quellen sind nämlich nicht nur aufwendig, sondern teuer. Kremsers Plädoyer: Verzicht wieder ein attraktiv machen. Dann hätten alle etwas davon – und das Ursprüngliche sei ohnehin das Schöne an einer Berghütte.

4. Werden die Hütten ein Problem mit der Trinkwasserversorgung bekommen?

„Trinkwasser ist einfach die Lebensader einer Hütte“, sagt Lukas Kremser. Ohne Trinkwasser funktioniert kein Hüttenbetrieb – alles andere lasse sich mit wirtschaftlichem oder technischem Aufwand bewerkstelligen. Das beschreibt das existenzielle Problem der Schutzhütten. Zusperren wäre die letzte aller Optionen, weil Berghütten eine Schutzfunktion im Gebirge erfüllen. Beim Österreichischen Alpenverein musste laut Kremser bisher keine Hütte deshalb schließen – das selbstverwaltete Leopold Happisch Haus der Naturfreunde im Tennengebirge musste wegen Trinkwassermangels im Sommer aber sehr wohl schließen. Kremser erklärt, im Großteil aller Fälle komme man mit betrieblichen Einsparungen zurecht – und die Gäste akzeptieren das, wenn man es erklärt.
Der große Hebel ist der Hüttenbau. Dort wird über Jahre beobachtet, wie viel eine Hütte verbraucht und wie viel Wasser hereinkommt, wie stark die Quellen schütten und wie lange es nach einer Trockenperiode dauert, bis Regen wieder im Grundwasserspeicher ankommt. Quellen werden optimiert, Speicher erweitert, Regenwasser genutzt. Irgendwann sei aber ein Limit erreicht, sagt Kremser: In 20 Jahren werde man vielleicht nicht mehr überall eine Hütte betreiben können.
Das hat auch Auswirkungen auf die Versorgung etwa bei Mehrtagestouren. Weil natürliche Quellen im Hochsommer öfter versiegen, müssen Hüttenbetreiber Regenwasser in Aufbereitungsanlagen trinkbar machen – behördlich jährlich überprüft und teuer. Diese Kosten werden weitergegeben. So wie im Tal mittlerweile für Leitungswasser Geld verlangt wird, wird das laut Kremser auch am Berg passieren. Das kostenlose Auffüllen der Trinkflasche am Hüttenbrunnen wird also nicht überall selbstverständlich bleiben. Früher war Wasser in Hülle und Fülle da – „und das ist jetzt halt eine andere Zeit“, sagt Lukas Kremser.

5. Starkregen und Wegeschäden

Es ist eines der großen Paradoxe des Klimawandels in den Alpen: Während das Wasser im Boden fehlt, entlädt es sich am Himmel immer häufiger in zerstörerischen Extremen. Starkregenereignisse werden laut Kremser intensiver und gleichzeitig kleinflächiger – in einem Tal regnet es fast nichts, im nächsten geht die Welt unter.
Für Wanderer bedeutet das nicht nur akute Gefahr bei einem Wetterumsturz. Auch Versorgungswege werden vermurt und müssen instand gesetzt oder verlegt werden, was viel Geld kostet. In manchen Regionen sei das Sisyphusarbeit, sagt Kremser – aber notwendig: „Wenn der Weg nicht zur Hütte führt, ist die Hütte auch verloren.“

6. Almen ohne Gras und Wasser

Beim Verlassen der kargen Felsregionen und absteigen in Almweiden könnte sich bald ebenso ein anderes Bild zeichnen. Rinder haben einen hohen Wasserbedarf, aber nicht nur das wird zur Herausforderung für viele Bauern. Die Heuernte fällt wegen ausbleibendem Regen zunehmend gering aus, deswegen fehlt das Futter. Wegen fehlendem Wasser und Gras treiben Bauern in Kärnten ihr Vieh bereits früher von den Almen, wie beispielsweise der ORF Kärnten berichtet.


7. Was das für die Zukunft unserer Touren bedeutet

Flächendeckende Sperren von Klassikern gibt es in Österreich derzeit nicht. Mittelfristig stehen die hüttenbesitzenden Sektionen aber vor schmerzhaften Entscheidungen: Wenn Quellen dauerhaft versiegen und der Erhalt der Infrastruktur unbezahlbar wird, muss man sich aus manchen Regionen zurückziehen. Wo keine Versorgungswege und keine Hüttenstützpunkte mehr sind, bleibt auch das bergsteigerische Interesse aus.
Das wäre ein herber Verlust für das Tourismusland Österreich, dessen Werbung stark auf der zugänglichen Bergwelt beruht – zigtausende Kilometer Wanderwege und hunderte Hütten werden von den alpinen Vereinen betreut. „Wenn es keine Infrastruktur dazu gibt, dann wird es keine Kunden dazu geben“, sagt Kremser. Für die Natur könnte dieser Rückzug aber auch eine Chance sein: ein Raum, den wir ihr wieder ganz ohne unseren Einfluss zurückgeben.

Was wir selbst tun können

Gegen die Trockenheit kann eine Einzelperson wenig tun. Aber wir können unsere Haltung ändern – und laut Kremser funktioniert genau das schon recht gut: Wanderinnen und Wanderer nehmen das Thema an, Wasser wird wertgeschätzt, der Hahn nicht durchlaufen gelassen, auf die Dusche auch mal verzichtet. Es gehe nur gemeinsam, mit den Hüttenwirtsleuten, die vor Ort die Leidtragenden sind, wenn etwas knapp wird.

Häufige Fragen zur Wasserknappheit am Berg

Verschwinden Bergseen durch die Trockenheit?

Nein. Laut dem Alpenverein werden zumindest größere Bergseen in Österreich nicht verschwinden, sie können aber kleiner werden und sich in Wasserstand und Farbe verändern.

Müssen Berghütten wegen Wassermangels schließen?

Beim Österreichischen Alpenverein musste bisher keine Hütte deshalb zusperren. Einzelne Hütten schränken den Betrieb aber stark ein, etwa durch gesperrte Duschen. Zusperren wäre die letzte Option, weil Schutzhütten eine Schutzfunktion haben.

Kostet Trinkwasser auf Hütten künftig Geld?

Zunehmend ja. Wo Regenwasser aufwendig aufbereitet werden muss, geben Hüttenbetreiber diese Kosten weiter – Wasser kann dann ein paar Euro statt ein paar Cent kosten.

Wie kann ich am Berg Wasser sparen?

Auf die Dusche verzichten und zur Katzenwäsche mit dem Waschlappen zurückkehren, das Wasser nicht durchlaufen lassen, sich unterwegs im Bach waschen und Trinkwasser bewusst einteilen.


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