Das Interview ist in der aktuellen Bergwelten Magazin-Ausgabe (August/ September 2026) erschienen.
Simon Messner: Hanspeter, du bist Kletterer, Philosoph und seit über 40 Jahren Bergführer. Woher kommt deine Motivation, diese Welt deinen Gästen zu vermitteln?
Hanspeter Eisendle: Einerseits ist das Bergführen eine Notwendigkeit, also mein Broterwerb. Wobei meine Leidenschaft das Bergsteigen ist. Mittlerweile bin ich aber auch davon überzeugt, dass jeder Mensch einen tieferen Sinn in seiner Existenz finden kann, indem er für andere etwas Nützliches tut.
Für mich war ein prägender Moment, als du mit Pauli Trenkwalder für meine Schwester und mich einen Kurs gemacht hast. Ich war sechs Jahre alt, und wir sind an den Blöcken vor den Geislerspitzen herumgeklettert. Was mich damals beeindruckt hat, war dieses Unbekümmerte, dieses Lustige. Danach wollte ich unbedingt Bergführer werden.
Meine Kinder sind ja so aufgewachsen, dass alles wie ein Spiel ist. Entweder man spielt es, oder man lässt es. Wenn man es lässt, dann macht man ein anderes Spiel. Dieses Lockere hat dir gefehlt. Das Narrativ im Bergsteigen muss nicht sein, dass es immer um die Wurst geht. Solche existenziellen Geschichten können einen jungen Menschen total überfordern.
Meine eigene Überforderung war „Die weiße Spinne“, das Buch von Heinrich Harrer über die Erstbesteigung der Eiger-Nordwand. Diese Kriegsgeschichten mitten in einer Felswand: Ich habe mich gefragt, wieso kann das jemand freiwillig tun. Das ist aber kein Krieg, denen läuft auch kein wildes Tier nach, die kämpfen freiwillig. Und das hatte ich so lange in mir, bis ich dann einmal probiert habe, wie das ist, auf die Berge hinaufzusteigen.
Man hört ja ganz oft: Das ist ein sehr erfahrener Bergsteiger. Das heißt für mich auch: Der traut sich nicht mehr so viel.
Hanspeter Eisendle
Später haben wir beide eine schwerere Tour gemacht. Je höher wir kamen, desto größer war die Panik in mir. Und du hattest die Ruhe, mir zu sagen: „Schau, Simon, das ist doch kein Problem. Seilen wir ab und gehen ein Eis essen. Kommen wir wieder, oder auch nicht.“ Das hat mich sehr geprägt, weil das kannte ich von zu Hause nicht. Probieren und umdrehen zu können, hat mir viel Zuversicht für spätere Touren gegeben.
Ich bin glücklicherweise in einer Epoche aufgewachsen – in den 1970er-Jahren –, wo Bergsteigen plötzlich so verspielt wurde. So hippiemäßig, wo es Joints gab und alles nicht so ernst schien. Das war natürlich auch eine Lüge, weil es total ernst ist, wenn du in einer senkrechten Wand bist. Aber man hat es so verspielt gesehen, und das Abseilen an einem gewissen Punkt war kein Scheitern, sondern ein Teil vom Spiel. Plötzlich musste man Routen nicht bis zum Gipfel fertig klettern, sondern kehrte um, wo das Schwierige aufhört. Das Mühsam-zum-Gipfel-Gehen hat man sich in diesem Spiel erspart. Aber wie gesagt: Was wir dort tun, ist zwar ein Spiel, aber oft auch ein brutales Spiel.
Bergführer bin ich ja trotzdem nicht geworden. Aber nach all den fesselnden Geschichten, die ich von meinem Vater über gefährliche Touren gehört habe, wollte ich es selber wissen: Wie fühlen sich das Stapfen in der Höhe und das Ausgesetztsein in der Wand wirklich an?
Ja, man will es selbst begreifen und nicht nur erzählt bekommen. Das war ein starker Gegensatz zum Schulleben oder zur Familie. Dort kriegst du alles vorgekaut – es gibt Tatsachen, die Wissenschaft und die Erfahrungen der Eltern. So hat man das zu tun, und alles andere ist falsch. Aber die Welt wird viel größer, wenn du selber Dinge entdeckst, die dir nicht vorgegeben werden. Wenn du draußen bist, allein mit dir, hört jedes So-Tun-als-ob auf. Dann bist du da, und entweder machst du das, oder du lässt es.
Weil du ja die größere Perspektive hast: Machen die Berge einen langfristig ruhiger im Alltag? Oder kommt man nach vielen Expeditionen und Biwaks nicht mehr im normalen Leben an?
Beides ist möglich: Du nimmst dich total aus deinem Umfeld heraus und suchst nur noch diese großartigen Erlebnisse, dann hat das absolutes Suchtpotenzial. Oder du merkst – und das habe ich gemacht –, dass da einiges zu gefährlich war. Man hört ja ganz oft: Das ist ein sehr erfahrener Bergsteiger. Das heißt für mich auch: Der traut sich nicht mehr so viel. Der hat so viele Erfahrungen gemacht, dass er gewisse Dinge einfach nicht mehr tut – etwa, sich von schlechten Standplätzen abzuseilen. Diese Art von „Mut“ ist mir völlig abhandengekommen. Und das ist eigentlich das Ziel des Bergsteigens und der Weg, den wir gehen müssen. Denn wir sind nicht nur für uns auf der Welt, und mit Kindern potenziert sich das nochmals. Denen willst du durch dein Tun keinen Schmerz zufügen. Bergsteiger unterscheiden sich in dieser Hinsicht durch nichts von anderen Menschen.
Für dich ist es normal, die Tage in den Bergen zu verbringen, ob beim Klettern oder auf einer Tour in den Dolomiten. Folgst du einfach der Sehnsucht, dort zu sein, wo du dich wohlfühlst?
Sehnsucht hat viel mit Mangel zu tun: Wenn man zu lang in der Zivilisation ist, hat man die Sehnsucht wegzugehen. Und wenn man eine Zeit im Wilden war, wo es kalt und gefährlich ist, hat man diese Sehnsucht heimzugehen. In diesem ständigen Wechselspiel liegt eine starke Motivation.
Das sehe ich genauso: Der Mensch sucht meist das, was er gerade nicht hat. Das ist offenbar unser Motor.
Vor einigen Jahren hast du mir gesagt, dass Atome das Bedürfnis haben, sich zu Molekülen zu verbinden.
Ja, die Natur zwingt uns sogar, nicht sitzen zu bleiben, sondern immer in Bewegung zu sein.
Die Voraussetzung für Leben ist Bewegung, also auch physische Bewegung, nicht nur geistige. Beim Bergsteigen können wir ja nicht ergründen, warum wir das tun. Die viel wesentlichere Frage ist deshalb für mich: Wie mache ich das? Und: Wie gehe ich vor? Damit ich unbeschadet zurückkomme und das inhaltlich auch irgendwie einen Sinn hat. Das „Wie?“ ist für mich viel wichtiger als das „Warum?“.
Was mich auch interessiert: Du hast ja die Kunstschule in Gröden besucht. Hat dein Verständnis der Kunst auch dein Klettern geprägt?
Da gibt es schon Ähnlichkeiten. Als Bub hat mich fasziniert, meinem Vater zuzuschauen, wie er mit dem Schnitzeisen Holz bearbeitet hat. Er hat im Wald komische Wurzeln gefunden und darin Gesichter oder Formen gesehen und mit dem Eisen noch mehr herausgeholt. Das war meine erste Begegnung mit einer nichtverbalen Ausdrucksform. Auch beim Bergsteigen drückt man etwas aus, und gerade durch das Nicht-Reden wird dies noch massiver spürbar. Natürlich ist das Bergsteigen auch eine sportliche Aktivität. Aber mich interessiert weniger, wie schwierig ich klettere und wie schnell ich von A nach B komme, sondern was da mit mir passiert und welche Erkenntnisse aus der Tätigkeit kommen. Für die Außenwelt ist mir auch ein gewisser Stil wichtig, der zu meiner Vorstellung passt.
Der Mensch sucht meist das, was er gerade nicht hat. Das ist offenbar unser Motor.
Simon Messner
Klettereien, von denen ich niemandem erzählte, waren für mich oft die wichtigsten Erfahrungen. Das ist wie ein Schatz, den man mit niemandem teilt. Das ist etwas ganz Intimes.
Ja, intim, aber auch sehr egoistisch. Die Idee des Bergsteigens lebt vom Narrativ, von der Erzählung. Es ist gut, ein paar Sachen nur für uns zu machen, um anderen die Sorgen zu ersparen. Andererseits muss man auch ausdrücken, was man gemacht hat – welche Geschichte man verfolgt, zu welcher Strömung man gehört. Allerdings ist es üblich geworden, unter ständigem Druck von außen Leistungen abzuliefern, die kurz gefeiert und dann wieder vergessen werden. Das halte ich für hochgradig bedenklich.
Klar spielt das Ego beim Klettern eine große Rolle. Obwohl gern verkauft wird, dass wir nur für uns selber in die Berge gehen.
Ich behaupte sogar, keiner von uns würde bergsteigen, wenn er der einzige Bergsteiger auf der Welt wäre. Wir brauchen den Vergleich. Es ist sowohl ein Eintauchen in eine Geschichte als auch eine Projektion in die Zukunft. Und wir machen das sehr wohl, um unseren Charakter oder unser Können nach außen zu transportieren.
Simon Messner machte mit 15 Jahren erste Felstouren in den Dolomiten. Ihm gelangen Erstbegehungen in den Alpen, in Pakistan und im Oman. Der studierte Molekularbiologe bewirtschaftet einen Bauernhof bei Schloss Juval im Vinschgau. Auf bergwelten.com ist er regelmäßig im Podcast zu hören.