Praxistest

Mountainbike versus E-Bike – Was ist die bessere Wahl?

Wissenswertes • 5. September 2019

Darf’s auch elektrisch sein? Oder zählt nur die reine Muskelkraft? Ein Hobbyfahrer und ein Ex-Weltmeister versuchen, diese Fragen auf einer Ausfahrt in den Wiener Alpen zu klären. Die Story ist im Bergwelten Magazin (Juni/Juli 2017) erschienen.

Mountainbike versus E-Bike
Foto: Stefan Voitl
Links E-Biker Martin, rechts Thomas, Mountainbiker und Ex-Weltmeister

Text: Werner Jessner, Fotos: Stefan Voitl

Es ist ein Thema, das in den einschlägigen Foren oft hoch emotional diskutiert wird: Ersetzt das E-Bike das gute alte Mountainbike? Oder ist das alles nur der nächste Hype, der schnell wieder abflauen wird? Hier das Protokoll einer Ausfahrt in den Wiener Alpen mit unterschiedlichem Gerät und kompetentem Personal.

Die Bikes

Die Räder – Modelle der Marke Specialized – haben eine nahezu idente Geometrie und liegen in der Basisvariante mit rund 5.000 Euro auch preislich nahe beisammen. Der Unterschied: Das klassische MTB hat einen Carbonrahmen und wiegt knapp 14 kg, rund 9 kg weniger als das E-Bike mit Alu-Rahmen, Elektromotor (530 W), Akku und den breiteren Reifen.

Mountainbike versus E-Bike
Foto: Stefan Voitl
Links E-Bike, rechts Mountainbike: ähnliche Geometrie, unterschiedliche Technik

Die Fahrer

Der eine: Thomas Widhalm, 51. Wohl kaum jemand in Österreich ist so viele und so viele verschiedene Geländerennen gefahren wie der Wiener: Cross Country, Enduro, Downhill, Querfeldein – und als Höhepunkt drei 24-Stunden-Weltmeistertitel (2006, 2007, 2009). Noch immer sitzt der alleinerziehende Vater bikebegeisterter Zwillinge beinahe täglich auf dem Fahrrad, nahezu jedes Wochenende rennmäßig – natürlich ohne Motor.

Der andere: Martin Rösner, 48. Selten hat jemand in Österreich so viele Mountainbikes verkauft wie der Klosterneuburger Inhaber des Fahrradhandels Mountainbiker. Der laut Eigendefinition „unterdurchschnittliche Mountainbiker“ fährt bereits seit drei Jahren mit E-Bikes und sieht sie als größte Bereicherung im Gelände überhaupt.

Thomas nach der Ankunft bei der Speckbacherhütte

Die Strecke

Als Teststrecke haben wir die Kreuzberg-Runde zwischen Semmering und Rax ausgesucht, knapp 1.000 Höhenmeter bergauf, aber auf die niederösterreichische Art. Während man in Westösterreich beim Wegebau zur Serpentine neigt, sticht der Ostösterreicher in der Regel direkt rauf. Nicht einmal in hochalpinen Regionen muss man so giftige Steigungen bewältigen wie hier. Ziel soll die Speckbacherhütte sein. Am Rückweg nehmen wir das Looshaus mit seinem grandiosen Blick auf Schneeberg und Freunde mit.

Mountainbike versus E-Bike
Foto: Stefan Voitl
Am Kreuzberg wechseln sich einige wenige knackige mit etlichen lieblichen Anstiegen ab

Bergauf

Über den Küber Weg geht es geschmeidig leicht bergauf. Insgesamt dreimal werden wir heute die von Carl Ritter von Ghega gebaute Eisenbahnstrecke queren, die zum Weltkulturerbe zählt. Daher auch der Name der Tour: Weltkulturerbe-Strecke. Schon zu Beginn wird deutlich, dass Martin mit dem E-Bike bei gleicher Geschwindigkeit entspannter auf dem Bike sitzt als Thomas.

Während der Profi mit Klickpedalen fährt, hat der Amateur darauf verzichtet und vertraut auf die weniger effizienten Plattform-Pedale. Während Thomas Widhalms letzter Leistungstest 300 Watt ausgeworfen hat, schafft Martins Fahrrad bis zu 530 Watt – die er aber nicht alle gleichzeitig auf die Kette loslässt: Um die volle Tour mit E-Unterstützung zurücklegen zu können, muss er Leistung reduzieren: Etwa 250 Watt kommen vom Elektromotor, den Rest steuert er selbst bei.

Im Steilstück

Ein ausgewaschener Hohlweg mit zwei Fahrspuren, in der Mitte verwachsen. So steil, dass Thomas sein Gewicht auf die Sattelspitze verlagert und sich im kleinsten Gang um einen halbwegs runden Tritt bemüht. Wiegetritt ist unmöglich, der Hinterreifen würde sofort durchdrehen. An einer Entwässerungsrinne passiert es dann: Traktionsverlust, absteigen.

Martin nimmt die Passage im zweiten Gang in Angriff und kommt locker zur Schlüsselstelle. Ein kurzer Zug am Lenker, ein energischer Tritt, schon ist er durch, das Vorderrad hebt sich kurz vom Boden, als wäre es das Einfachste auf der Welt.

Mountainbike versus E-Bike
Foto: Stefan Voitl
Martin mit seinem E-Bike in der Steilpassage

Die Entscheidung

Um eine lange und schweißtreibende Geschichte abzukürzen: Bei Gleichheit der Waffen würde Profi Thomas Hobbysportler Martin in wenigen hundert Metern abhängen. Heute ist es umgekehrt: Die beiden erreichen die Speckbacherhütte zwar zugleich – aber nur, weil der schwächere Martin regelmäßig auf den voll fitten Thomas gewartet hat. Frage an den Ex-Profi: Wolltest oder konntest du nicht schneller? „Keine Chance. Nicht einmal im Weltmeister-Jahr.“

Die Technik

Bei Apfelsaft und Momos, gefüllten Teigtaschen aus Tibet, erklärt Martin den Unterschied, der über die reine Zusatzleistung des Elektromotors hinausgeht: „Konstrukteure können E-Bikes anders denken als konventionelle Mountainbikes. Mit drei Zoll breiten Reifen kannst du mit viel weniger Luftdruck fahren als normal. Weniger Druck heißt mehr Grip, aber auch mehr Rollwiderstand.“ Dazu kommt die „enorme Auflagefläche. So hast du Traktion ohne Ende. Das selbst zu bewegen wäre widersinnig – es sei denn, du hast einen E-Motor, der das kompensiert, ja überkompensiert.

Zum ersten Mal macht mir das Bergauffahren so viel Spaß wie das Bergabfahren.“ Beim Mountainbike ist der Carbonrahmen das teuerste Bauteil. Das kostet selbst dem Hersteller einen Haufen Geld. Bei einem E-Bike hingegen kann, man ohne große Handicaps in Kauf zu nehmen, einen ganz gewöhnlichen Alu-Rahmen verbauen und so Geld sparen.

 

Auf der Speckbacherhütte diskutieren Thomas (links) und Martin Vor- und Nachteile von E- und Mountainbikes

Bergab

Es geht wieder hinunter. Die Abfahrt ist technisch nicht allzu anspruchsvoll, eher schnell. Nächste Station ist das pittoresk gelegene wunderbare Looshaus, ein Architektur- und Kulinarikjuwel mit Ausblick auf Rax und Schneeberg. Thomas ist auf seinem Mountainbike bergab klar schneller als Martin, was aber wohl am überragenden Fahrkönnen des Doppelweltmeisters liegt: Als ehemaliger Motorrad- Rennfahrer bringt er Bewegungsskills mit, mit denen sogar ausgeschlafene Downhiller nicht mehr mithalten können.

Oder liegt es doch am Material? Ist ein leichtes Bike bergab einfacher zu fahren als das schwere E-Bike? Nicht wirklich, sagt Martin: „Man muss vielleicht ein bisschen früher bremsen, dafür hast du durch die breiten Reifen mehr Traktion. Bei meinem Gewicht macht es keinen großen Unterschied, ob Fahrer und Bike nun 100 oder 110 kg wiegen.“

Mountainbike versus E-Bike
Foto: Stefan Voitl
Bergab halten sich die Vorteile von wenig Gewicht und großen 29-Zoll-Rädern (Mountainbike) und mehr Grip durch Fattie-Bereifung (E-Bike) in etwa die Waage

Der Trend

Muss man sich Sorgen um das normale Mountainbike machen? Martin: „Das Mountainbike wird es immer geben. Im Low-End-Bereich und als Sportgerät. Die Stärken des E-Bikes liegen abseits von Sekunden und Watt. Im August 2016 habe ich zum ersten Mal mehr E-Bikes als Mountainbikes verkauft, und es gibt keine Anzeichen, dass sich der Trend abschwächt, im Gegenteil. Ich habe Leute im Shop, die noch nie zuvor ein Radgeschäft betreten haben.“ Und darum geht’s ja am Ende: dass die Menschen rauskommen, in die Berge, sich draußen in der Natur bewegen. Mit oder ohne elektrischen Rückenwind.


Ein E-Bike ist das richtige,

  • wenn es auch bergauf richtig Spaß machen soll;
  • wenn die Kondition mit dem angestrebten Aktionsradius nicht korreliert;
  • wenn man schon Erfahrung mit Mountainbikes im Gelände hat;
  • wenn ohnehin ein, zwei Mountainbikes im Keller stehen;
  • wenn es als Verkehrsmittel eingesetzt werden soll.

Ein MTB ist das richtige,

  • wenn die reine Muskelkraft und die reine Fahrtechnik zählen;
  • wenn es um die Unbeschwertheit des Radfahrens geht;
  • wenn man das Bike manchmal auch schultern muss;
  • wenn man im vierten Stock ohne Lift und Radkeller wohnt;
  • wenn man Reparaturen – theoretisch – selbst durchführen kann.

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