Damen-Doppel Ines Papert und Lisi Steurer

Klettervorhersage: Heiter & Stürmisch

Magazin • 18. November 2015

Eine deutsch-österreichische Freundschaft: Ines Papert und Lisi Steurer könnten kaum unterschiedlichere Biografien haben. Aber das Schicksal vereinte sie zum extremen Damen-Doppel.

So manches mögen sich die Leut’ im beschaulichen Bad Düben schon gedacht haben. Aber dass eine aus ihrer Mitte dereinst ihr Geld mit dem Klettern verdienen würde, vermutlich eher nicht. Denn rund um das nordsächsische 8.000-Einwohner-Städtchen zwischen der Dübener Heide und der Leipziger Tieflandsbucht ist es flach. Flacher geht’s gar nicht. Ines Papert sagt: „Du siehst am Montag schon, wer am Wochenende zu Besuch kommen wird.“

Ines Papert Lisi Steurer
Foto: Lukas Gansterer
Ines Papert (li.) und Lisi Steurer (re.) sind ein extremes Damen-Doppel.

Und dass die DDR-Bürgerin Ines Papert Jahre nach dem Fall der Mauer von China bis zum Polarkreis, von Schottland bis Nepal reisen würde, um sich als Profi durch die steilsten Wände zu hanteln, das entsprach wohl kaum dem sozialistischen Gedanken vom Aufstieg.

15 Jahre ist sie alt, als das System kippt und sie, die nur gelegentlich zum Skisport ins Fichtelgebirge fuhr, ausreisen darf. Zumindest einmal bis nach Berchtesgaden („Den Prospekt mit den vielen Bergen fand ich so schön“), um sich 1993 im Kurzentrum als Physiotherapeutin zu engagieren. Mit dem einfachen Ziel, sich „eine Skitourenausrüstung zusammenzusparen“.

Etwa zur gleichen Zeit entschließt sich die um fünf Jahre jüngere Lisi Steurer in Lienz zum ersten Wagnis im Klettergarten. Es sind Freunde, die der 14-Jährigen den besonderen Reiz offenbaren. Denn keiner der vier älteren Brüder hat derlei im Sinn. Die Lust aufs Extreme ist keine familiäre Disposition.

Diese Freunde entpuppen sich rasch als leidenschaftliche Sammler. Heißt: Wer schafft mehr 3.000er? Und davon gibt es, man staune, allein in Osttirol mehr als 260. „Mich hat das Klettern aber immer schon mehr interessiert als das Bergsteigen“, sagt sie. Und die Typen, die so viele Geschichten erzählen von den vielen Abenteuern, die sie bestanden haben – auch nicht uninteressant.

Eine Sehnsucht reift. Nach der Matura tritt sie daher an, staatlich geprüfte Berg- und Skiführerin zu werden. Doch obwohl sie nahezu alle erforderlichen Tourenberichte liefern kann, scheitert sie. Ein Steigeisen stürzt bei der Prüfung in die Tiefe – „das war jetzt nicht so g’schickt“. Ein Jahr und eine Joberfahrung später („Ich war Putzfrau im Krankenhaus“) klappt es.

Vier WM-Titel und drei Bücher

Ines hat derweil Hansi, einen obsessiven Kletterer, kennengelernt und sich mit ihm über Bayern hinaus bis nach Argentinien, Chile, Peru und Kalifornien vorgearbeitet. Stets an der Wand, eh klar. 1999 beginnt sie mit Wettkämpfen, ein Jahr später kommt Sohn Emanuel zur Welt.

Also sieht sie sich zur Entscheidung gezwungen: Physiotherapeutin oder Kletterprofi? Beides zusammen scheint neben dem Mutterdasein undenkbar. Die Folge ihrer Entschlossenheit: vier Weltmeistertitel und zahllose Weltcupsiege im Eisklettern, mehr Geld, mehr Flexibilität, mehr Visionen. Drei Bücher hat sie bis dato geschrieben, rund 40 Vorträge hält sie im Jahr. Als übermäßig großes Risiko will sie ihren Weg damals nicht sehen: „Ich bin nicht jemand, der sich vorstellt, was alles schiefgehen könnte. Ich denke mir eher, wie es wäre, wenn es super läuft.“

Lisi Steurer hingegen mag nicht Profi werden. „Ich habe ein Jahr lang reingeschnuppert, aber der Wettkampfdruck war gar nicht meins.“ Lieber Natur pur statt Leistungsdenken in der Kunstwand, lieber selbständige Bergführerin mit permanenter Hingabe zu großen Freizeitprojekten rund um den Erdball. Nur ein Prozent aller Bergführer ist weiblich, derzeit gibt es nur 15 Frauen in ganz Österreich, die Gipfel erobern, Skitouren führen und Freeride-Challenges garantieren.

Dolomiten Papert Steurer
Foto: Franz Walter
Gipfelglück in den Sextner Dolomiten

Eiskaltes Klettern, coole Partys

Im Weltcup-Winter 2001 lernen Ines und Lisi einander kennen. Beim Eisklettern im schweizerischen Saas-Fee. Dort teilen sie sich gleich ein Zimmer, der kleine Manu ist auch dabei. Den Bewerb gewinnt Ines. Lisi wird Zweite. Aber mindestens so wichtig ist das Feiern danach. „Die Partys waren schon sehr cool damals.“

Danach verlieren sie einander wieder aus den Augen. Die erfolgreiche Seilschaft entsteht erst Jahre später, 2007. Als Ines ihre Wettkampfkarriere längst beendet hat. „Irgendwann denkst du: Ich habe immer nur die gleiche Geschichte zu erzählen.“

Nach einem Treffen im Klettergarten von Matrei kommt es zum längeren Gespräch, zur Bereitschaft für gemeinsame Herausforderungen. Ines: „Wir haben gemerkt, dass wir ähnliche Ideen haben, auch was Schwierigkeitsgrade und Herangehensweise betrifft.“ Lisi: „Wir wollten beide in die Ferne, das Spezielle erleben.“ Ines: „Wir hatten Lust auf den Arsch der Welt.“ Lisi: „Sozusagen.“

2009 absolvieren sie ihr erstes gemeinsames Projekt in Kanada. Der legendäre Lotus Flower Tower lockt. Die Harmonie ist sofort spürbar. Osttirol und Nordsachsen, das funktioniert.

Ines: „Am Berg sind ja oft 40, 50 Meter zwischen uns, da sehen wir uns gar nicht. Aber ich kann längst jedes Seilruckeln deuten. Da braucht’s kein Herumschreien.“ Lisi: „Wenig reden, einfach tun. Ihre Qualität ist, dass sie nicht lange herumzweifelt, sondern startet und sagt, schau ma mal. Davon profitiere ich, weil ich als Abwechslung zum Beruf nicht ständig die Checkerin sein muss.“ Ines: „Viele Frauen haben so eine Grundangst, zu wenig Selbstvertrauen, das finde ich oft sehr störend. Bei Lisi ist das nie so. Wir kommen in der Wand fast immer auf die gleichen Lösungen für die gleichen Züge und wechseln ohne große Worte die Verantwortung.“ Lisi: „Ein feines Geben und Nehmen.“

Schuppe hier, Verschneidung da

An Ideen fehlt es den beiden nie: Im Frühling 2013 visieren sie im Team mit dem Schweizer Patrik Aufdenblatten eine Erstbegehung in Marokko an. Im Atlasgebirge sehen sie viel Potenzial für eine neue Route. So sitzen sie mit dem großen Fernglas in der Landschaft, betrachten abwechselnd die glatte Wand, diskutieren „über die Schuppe hier oder die Verschneidung da“, legen den groben Plan für die Linie fest und brechen auf.

Keine zwölf Tage später ist es geschafft. Die neue 400-Meter-Route heißt nun offiziell „Azazar“. Die Namen werden von den Erstbegehern vergeben. Und eine Pflanze, die die Berber Azazar nennen, die zwar schön aussieht, aber bitter schmeckt, ist dem Damen-Doppel als Symbolik gerade recht.

Ein Jahr später ist das Duo bereit für die erste freie Begehung der Route „Ohne Rauch stirbst du auch“ in der Großen Zinne der Sextner Dolomiten. Von Anfang Juni bis Mitte Juli ist das Abenteuer geplant, aber es dauert bis Ende August. Denn das Wetter will nie, wie Ines und Lisi wollen.


500 senkrechte Meter und eine Schwierigkeit 8a auf 18 Seillängen. Da braucht’s zwölf Stunden bis nach oben. Und beste Wetterbedingungen. Obwohl: Am Ende regnet es dann entgegen den Prognosen doch wieder. Egal.

Die größere Enttäuschung ist, dass sie es aufgrund der vielen Verzögerungen nicht gemeinsam bis zum großen Finale durchziehen können. Ines wird von ihrem Sohn zum Sommerurlaub erwartet. Drei Tage zuvor ist ihr gerade noch unter dem Druck der letzten Chance bei eisigen Temperaturen der Durchstieg gelungen. Das Los hatte ihr für diesen Tag den Erstversuch geschenkt. Lisi kann erst elf Tage später – angefeuert von den Anrufen und SMS der weit entfernten Ines – dank der Unterstützung von Freund Felix ebenfalls die Nordwand-Route bezwingen.

Das Endlosprojekt findet ein glorreiches Ende – und zwar ein gemeinsames, wie beide betonen. Nach drei extrem aufreibenden Monaten. Ein Gefühl, das auf seine Weise außergewöhnlich ist. Denn, so sagt Lisi: „Wenn’s besonders fuchst, ist die Erlösung am Gipfel noch viel größer.“

Marokko Papert Steurer
Foto: Franz Walter
12 Tage brauchten Lisi Steurer, Ines Papert und Patrik Aufdenblatten für die Linie „Azazar" im marokkanischen Atlasgebirge.

Dieser Text von Michael Hufnagl stammt aus dem Bergwelten-Magazin (03/2015). Die Actionbilder und das Video stammen von Franz Walter.

Bergwelten entdecken