Kitzsteinhorn

Eine andere Welt

Es muss schon ein besonderer Berg sein, wenn man wie Hans Nindl 100 Tage im Jahr auf ihm verbringt. „Ich bin wie ein Lachs: Ich komme immer wieder zurück“, sagt der gebürtige Kapruner über seinen Hausberg, das Kitzsteinhorn. Mit ihm erhielt Österreich sein erstes Gletscherskigebiet. Wie dieses erschlossen worden ist und was sich hinter dem Begriff „Snow-Farming“ verbirgt, erfährst du hier.

Christina Geyer


 Credit: Rudi Wyhlidal



Die Geschichte des Kitzsteinhorns

Was in den 60er-Jahren als Sensation galt, ist es heute zumeist nicht mehr. Am Kitzsteinhorn ist das anders. Da machen Wintersportler immer noch große Augen, wenn sie plötzlich mit der Gipfelbahn die 3.000 Meter-Marke knacken und die Zivilisation ewig weit weg scheint. Einen Blick ins Tal sucht man vergeblich, alles was man sieht sind die schier endlosen Gletscherfelder des Kitzsteinhorns. Bis zu vier Stunden Wartezeit an der Talstation nahm man für diesen Anblick einst in Kauf. Mittlerweile geht es dank schnellerer Bahnen deutlich flotter, in eine andere Welt taucht man aber noch heute ein.

Norbert Karlsböck, ehemaliger Bürgermeister von Kaprun und Vorstand der Gletscherbahnen Kaprun AG, ist überzeugt davon, dass dieser Gletscher etwas mit dem Menschen macht: „Man wird da heroben ruhiger und gelassener. Für mich ist der Eindruck des Kitzsteinhorns lebensnotwendig.“ In seiner Position ist er natürlich oft „heroben“, begeistert ist er immer noch und zwar jedes Mal aufs Neue. Das Skigebiet mag nicht sonderlich groß sein, angesichts seiner Höhenlage hat es anderen Skigebieten gegenüber aber einen entscheidenden Vorteil: Am Gletscher liegt eben immer Schnee.


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Das „Kaprun Museum“ befindet sich in einem 400 Jahre alten Steinbauernhaus und führt auf einer Fläche von 140 m² in die Geschichte Kapruns ein.


Die Geburtsstunde des Sommerskilaufs

Das wusste bereits die K.u.K.-Armee im 1. Weltkrieg für sich zu nutzen, als sie am Schmiedingerkees des Kitzsteinhorns Skisoldaten ausbildete. Die Wehrmacht richtete im 2. Weltkrieg auf der beschlagnamten Krefelder Hütte ein Wehrertüchtigungslager ein, das auch als Stützpunkt für militärische Sommerskikurse diente. 1955 entdeckte schließlich ein Einheimischer das Kitzsteinhorn wieder – allerdings nicht zu militärischen Zwecken. Ihm schwebte Größeres vor.

Der bereits verstorbene Ingenieur Wilhelm Fazokas, langjähriger Bürgermeister von Kaprun, sah in der Erschließung des Gletschers als Sommerskigebiet einen Entwicklungsmotor für die Region: „Nach dem Krieg kam mir die Idee, eine Frühwinterausbildung auf dem Schmiedingerkees als Trainigsmöglichkeit für den österreichischen Nationalkader durchzuführen.“ Eine siegreiche Ski-Nationalmannschaft war in seinen Augen die beste Wintersportwerbung für Österreich. Er hatte die besten Voraussetzungen zur Umsetzung dieser Vision: Zum einen war die technische Elite Österreichs aufgrund des Kraftwerkbaus und der dafür angelegten Hochgebirgsstauseen bereits in Kaprun versammelt, zum anderen war Fazokas selbst daran beteiligt. Als Betriebsleiter des Kraftwerks verfügte er über das nötige Know-How für sein Vorhaben, als ehemaliger Skilehrer über die erforderliche Portion Leidenschaft für den Skilauf.


  • 1828

    Erstbesteigung des Kitzsteinhorns durch kaiserliche Vermesser

  • 1961

    Die technische Erschließung des Kitzsteinhorns beginnt

  • 1963

    Die Gletscherbahnen AG werden gegründet

  • 1965

    Eröffnung des ersten Gletscherskigebiets Österreichs

  • 1966

    Die Gipfelbahn wird eröffnet und fährt bis auf 3.029 m

  • 2015

    Das Kitzsteinhorn feiert sein 50-jähriges Bestehen

Die wichtigsten Meilensteine der Kitzsteinhorn-Erschließung im Überblick


Und so begann 1961 die technische Erschließung des Kitzsteinhorns – ein Mammut-Projekt. „Ich war damals acht Jahre alt –“, erinnert sich Norbert Karlsböck, „mein Vater war als Vermessungstechniker für die Vermessung der Seilbahnachsen zuständig. An einem Wochenende hat er mich mitgenommen. Er hat seine Felle abgeschnitten und mir auf meine kleinen Skier montiert und dann sind wir zu zweit über den Gletscher hochgestapft bis zu einer Biwakschachtel, die es damals noch gegeben hat – ohne Seilbahn, alles zu Fuß.“

Staunend haben Karlsböck und seine Freunde die Fortschritte damals aus dem Ort beobachtet: die langsam anwachsenden Stützen inmitten der riesigen, noch völlig unberührten Gletscherfelder des Kitzsteinhorns und endlich die Eröffnung des ersten Gletscherskigebiets Österreichs. Am 11. Dezember 1965 war es soweit: Gletscherbahn Kaprun 1 hob ab und brachte die ersten Gäste bis auf 2.450 m. Ein Jahr später folgte die Weihe der Gipfelbahn und damit eine echte Sensation: Der Ausstieg auf 3.029 m knapp unterhalb des Kitzsteinhorn-Gipfels (3.203 m) – ganz ohne Schweiß.

  • 1974

  • 1979

  • 1983

  • 1984

  • 1993

  • 2004

Evolution der Liftkarten: Die Skipässe fürs Kitzsteinhorn im Laufe der Jahre




Skitourengehen: Ein Hippie am Tristkogel

Auch Hans Nindl erinnert sich noch ganz genau an diese Zeit. Der Tausendsassa ist eine Kapruner Legende: Koch, Gastronom, Landwirt, Bauer – und Skitourengeher seit mehr als 50 Jahren. Er verbringt gut 100 Tage im Jahr am Kitzsteinhorn: „Ich kenne hier jeden Winkel, jede Kuppe und weiß genau, wo und wann ich die besten Pulverhänge finde“. Immer dabei: seine Pfeife. Davon zeugt auch sein wilder Bart, der an einer Seite vom Tabak leicht gelblich verfärbt ist. Man sieht Nindl seine Hippie-Zeit noch immer an.

Kapruner Legende Hans Nindl am Kitzsteinhorn


In den 60er-Jahren ist er mit einem VW-Bus aus Kaprun nach Indien und Südafrika gefahren: „Aber ich bin wie ein Lachs: Ich komme immer wieder zurück“, sagt er und zieht an seiner Pfeife. Am Gletscher war er schon unterwegs, lange bevor er erschlossen wurde. 1.700 Höhenmeter-Aufstiege waren die Regel, wenn Nindl mit seinem bereits verstorbenen Freund Hans Pregenzer auf den Tristkogel (2.627 m) stieg. Hinzu kam, dass es damals noch keine Skitourenausrüstung gab. Zunächst schulterten die Freunde darum ihre Skier, bis sie an Seehundfelle herankamen, die ihnen als Steigfelle dienten – wohlgemerkt: ohne Tourenbindung.

Video: Skitour am Tristkogel mit Hans Nindl


Pregenzer und Nindl waren Pioniere auf ihrem Gebiet: Sie gehörten zu den ersten Skibergsteigern, die den Tristkogel im Winter erklimmen konnten. „Damals gab es noch keine wirklichen Vorbilder, zu denen man aufschauen konnte – also wollten wir diese Vorbilder sein“, sagt Hans Nindl, der mittlerweile bereits 700 Mal auf dem Gipfel des Tristkogels gestanden hat. Er zückt einen Vogelbeerschnaps, prostet der am Gipfelkreuz angebrachten Gedenktafel für seinen Freund Hans Pregenzer zu und nimmt einen kräftigen Schluck. „Der Tristkogel hält mich fit!“, lacht Nindl aus seinem Bart hervor. Ob er der Erschließung „seines“ Gletschers skeptisch gegenüberstand? „Nein, nein. Man war damals im Gegenteil schon mächtig stolz drauf, am ersten Gletscherskigebiet Österreichs heimisch zu sein.“ Man muss das Positive sehen – und darin ist Nindl Experte. Letztlich vergrößert die Liftunterstützung die Bandbreite an Tourenmöglichkeiten: Unter Nutzung der Aufstiegshilfen kommt man wesentlich weiter und höher hinaus. Und die Möglichkeiten sind nach wie vor groß: Von rund 8 Quadratkilometern Gelände ist nur rund die Hälfte organisierter, also präparierter und sicherer, Skiraum.

Informieren statt verbieten

Verbieten wollte man das Freeriden am Kitzsteinhorn nie: „Unsere Philosophie war schon immer, dass jeder, der sich im Schnee bewegen will, hier oben herzlich willkommen ist“, sagt Maria Hofer von den Gletscherbahnen Kaprun AG. Statt auf Verbote setzte man am Gletscher auf eine breit angelegte und für Österreich beispielgebende Informationskampagne. So wurden fünf regelmäßig überprüfte Freeriderouten sowie eine Freeride-Infobase geschaffen, die Auskunft über die jeweils aktuelle Lawinenwarnstufe sowie die einzelnen Routen gibt und darüber hinaus auch über einen LVS-Checker verfügt. Zudem wird wöchentlich am Donnerstag eine geführte Skitour auf den Tristkogel angeboten.



Gletscherbahnen Kaprun – die technische Elite

Ohne entsprechender Infrastruktur wäre das breite Angebot allerdings undenkbar. Die wenigsten Freerider würden, wie einst Nindl und Pregenzer, 1.700 Höhenmeter aufsteigen, um in den Genuss einer Tiefschneeabfahrt zu kommen. Für Wintersportler am Kitzsteinhorn ist die Nutzung der Liftanlagen eine Selbstverständlichkeit, dahinter stehen jedoch eine komplexe Logistik, Pioniergeist und Technik auf Spitzenniveau. Nicht ohne Grund zählt die AG zu den größten Arbeitgebern im Pinzgau: Aus dem Innovationsschwung der Gletscher-Erschließung heraus entwickelte sie sich zu den österreichischen Vorreitern im Bereich Technik und Innovation. Das Unternehmen verfügt über eine eigene Werkstatt sowie Meister und Installateure, die ganzjährig in der Elektro- und Schlosserabteilung angestellt sind.

Blau: Eröffnung
Rot: Umbau/Ausbau/Ersatzbau
Rot-strichliert: Rückbau
Schwarz: Bestehende Lifte

Die Erschließung des Kitzsteinhorns im Zeitraffer


Der visionäre Geist des Ingenieurs Wilhelm Fazokas verdichtet sich in einer Seilbahnstütze an der Gipfelbahn, der „technischen Ikone“ des Gletschers, wie Norbert Karlsböck sie stolz nennt. Mit 113,9 Metern war sie über fünfzig Jahre lang die höchste ihrer Art: „Diese Stütze signalisiert den Anspruch an technische Spitzenleistungen am Kitzsteinhorn“, sagt Norbert Karlsböck. Den Grundstein haben die Gründerväter der Gletscherbahnen gelegt, darauf wird seit über 50 Jahren konsequent aufgebaut. Etwa mit den neuen Gletscherjets 3 und 4, die als gekoppeltes System aus Sesselbahnen und Gondeln konzpiert sind und bei starkem Wind entkoppelt werden können. Die Sesselbahnen stehen dann still, während die Gondeln bei langsamerer Geschwindigkeit weiterhin bis zum Gipfel fahren.

Die technischen Meisterleistungen am Kitzsteinhorn verdienen umso mehr Aufmerksamkeit, als sie auf die Herausforderungen des hochalpinen Geländes abgestimmt werden müssen: „Die Wetterbedingungen stellen einen immer wieder vor neue Herausforderungen“, erläutert Karlsböck, „Es verändert sich ja auch der Gletscher – wir spüren natürlich auch die Einflüsse des Klimas und den Rückzug des Gletschers“. Es wären jedoch nicht die Gletscherbahnen Kaprun, wenn sie nicht auch diese Veränderungen als Chance sehen würden. Nicht umsonst wurde anlässlich des 50-jährigen Jubiläums 2015 der Slogan „Power of Change“ gewählt: Die Kraft der Veränderung war schon immer der Motivationsfaktor am Kitzsteinhorn. Und so ist man sich bei den Gletscherbahnen Kaprun AG auch der Verantwortung gegenüber der Umwelt bewusst – und hat entsprechende Maßnahmen ergriffen.



Umwelt und Innovation

Eine Initiative zum Schutz des Gletschers verbirgt sich hinter dem Begriff „Snow-Farming“. Hierbei werden Naturschnee-Depots errichtet und für die kommende Saison konserviert. Dafür wird Altschnee im Frühjahr mit einem Vlies abgedeckt, um ihn vor dem Abschmelzvorgang im Sommer zu schützen. Zum einen haben diese Schneedepots eine natürliche Schutzwirkung für das darunter liegende Eis, zum anderen kann der Schnee im Herbst wieder auf den Pisten ausgebreitet werden. Ein weiteres Projekt wurde 2015 initiiert und befasst sich mit der Begrünung vegetationsloser Pistenbereiche.

Auch hier ist die Höhenlage eine der größten Herausforderungen, bringt sie doch kurze Wachstumsphasen mit sich. Gemeinsam mit dem Institut für Ökologie hat man darum eine spezielle Form der Hochlagenbegrünung im gletschernahen Bereich entwickelt. Zunächst wird sämtliche Vegetation abgehoben, sorgsam zwischengelagert und nach Bearbeitung des Unterbodens wieder aufgelegt: „So kann die natürliche in dieser Höhe vorkommende Vegetation weiterwachsen, unterstützt durch spezielle Hochlagensamen, die wir einbringen, um einen Schutz vor Erosion im Pistenbereich durchzuführen“, erläutert Karlsböck.

Video: Rund um das Kitzsteinhorn – Zahlen, Daten, Fakten


Ausgezeichnete Gletscherwelt

Das Wasser für die Beschneiung stammt aus den großen Speicherseen der Kraftwerksgruppe Glockner-Kaprun. Das Pumpwerk für die Beschneiung fungiert im Sommer als Kleinkraftwerk und erzeugt einen Großteil des Stroms, der im Winter für die Beschneiung benötigt wird. Auch die Antriebe aller Seilbahnen sind elektrisch und dem Straßenverkehr damit um Jahrzehnte voraus. Die Bemühungen der Gletscherbahnen Kaprun AG haben sich bezahlt gemacht. Das Gletscherskigebiet wurde mit der bedeutendsten Auszeichnung für beispielgebendes Umweltmanagement ausgezeichnet, dem Pro Natura - Pro Ski Award für Umweltmanagement.

Das Kitzsteinhorn hat sich weiterentwickelt. Es ist nicht mehr dasselbe Gletscherskigebiet, das es zu seiner Eröffnung war. Damit aber ist es sich erstaunlich treu geblieben. Gründervater Wilhelm Fazokas hätte es sich nicht anders gewünscht. Innovation und Mut sind seit jeher der Entwicklungsmotor am Kitzsteinhorn. Große Augen wird man hier also weiterhin machen.


Illustrationen: Andreas Posselt, Albert Exergian
Videos, Animationen: Stephan Zenz

Informationen rund ums Skigebiet Kitzsteinhorn – Kaprun
Hier findest du weitere Informationen rund um Wetter, Schneehöhe, Schneeprognose, Pisten und Lifte.



Magazin

Ein ausführliches Bergporträt zum Kitzsteinhorn findet ihr im Bergwelten Magazin (Dezember/Januar 2017/18).

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